Berichte

Tag der Europäischen jüdischen Kultur

Veranstaltungsbericht von Friedrich Wörlen

Am Sonntag, 3. September 2023, wurde der Europäische Tag der jüdischen Kultur im Ries an mehreren Stellen begangen. Der Freundeskreis der ehemaligen Synagoge Hainsfarth hatte Texte über jüdisches Leben im Ries, vorgetragen durch Werner Eisenschink und Joachim Gericke, angekündigt. Der Film „Ein Sommer in Hainsfarth“ sollte anschließend vorgeführt werden, was aber aus urheberrechtlichen Gründen nicht möglich war.

Schon das grundlegende Motto „memory“ zeigte auf, dass die Veranstaltung einen nachdenklichen Charakter tragen würde. Dem entsprachen die einleitenden, geradezu andächtigen Musikstücke, arrangiert von Helmut Scheck, vorgetragen von den beiden Nördlinger Musikanten -Werner Eisenschink (Akkordeon) und Joachim Gericke (Zither).

Vor vollbesetztem Haus wies die Vorsitzende Sigried Atzmon darauf hin, dass sich nicht weniger als 30 Länder an diesem Tag um ein europaweites Besinnen auf die gemeinsame jüdische Kultur bemühen. Hermann Waltz, zweiter Vorsitzender des Freundeskreises und Verfasser des Textes „Nie wieder Judenhass“, der im Eingangsbereich der Synagoge aushängt, zeigte sich entsetzt über die immer wieder auftauchenden Äußerungen von Judenfeindschaft, insbesondere forderte er vom Bayerischen Ministerpräsidenten „ein klares Stoppschild“ gegen jede Verharmlosung, gar Selbststilisierung des Stellvertreters zum Opfer. Er dankte der Ersten Vorsitzenden ausdrücklich für ihr Engagement, was von der Versammlung mit stehendem Applaus gebilligt wurde.

Mit dem Satz des italienischen Zeitzeugen und Holocaust-Überlebenden Primo Levi „Es ist geschehen, also kann es wieder geschehen“ leitete Werner Eisenschink die Verlesung von Texten ein. Leitthema war die Entmenschlichung der Rieser Juden – vom Spott über Ausgrenzung und Entrechtung bis zur Vernichtung.

Zitate aus Artikeln der damaligen Lokalpresse (Oettinger Anzeiger, Nördlinger Zeitung), aus dem „Stürmerkasten”, sowie aus Behörden und Parteiakten der 30er und 40er Jahre (mehr und mehr okkupierte die NSDAP die Staatsgewalt), aber auch aus Entnazifizierungsakten und Berichten von Zeitzeugen und Emigranten, zeigten durch verschwurbelte und heuchlerische Sprache ein erschütterndes Bild von dem Geschehen, das Ludwig Spaenle, der Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung einmaligen Zivilisationsbruch genannt hatte. Ein grenzenloser Zynismus verlangte von den Juden nach Abschnürung vom gesellschaftlichen und geschäftlichen Leben erst die Offenlegung, dann die Ablieferung allen Vermögens, ja der einfachsten Habe, dann die Räumung der eigenen Wohnung binnen kürzester Frist und den Kauf von Bahnfahrkarten nach Neuaubing, dem Ausgangspunkt der Deportationszüge nach Piaski in Polen, zur Ermordung.

Zu seinem erkennbaren Bedauern musste Werner Eisenschink, der seit langem über die Geschichte der NS-Zeit im Ries forscht und vor Jahren bereits unter dem Titel „Die Provinz wird braun“ ausführlich darüber berichtet hat, den Namen des Nördlinger Oberbürgermeisters Dr. Wilhelm Hausmann nennen, aus dessen Verfügungen und Meldung sich ergibt, dass er sich durchaus nicht nur als politisch indifferenter Verwaltungschef betätigte, sondern als williger Vollstrecker der menschenverachtenden Vorgaben von NSDAP (der er angehörte), SA, Gestapo und SD.

Die bäuerliche Bevölkerung leistete anfangs, zum Teil unterstützt von den örtlichen Bürgermeistern, stillschweigenden Widerstand gegen die angeordneten Boykottmaßnahmen und Ausgrenzungen. „Das Ries ist stark verjudet“ beklagte sich der Gauleiter. Letztlich behielten der Parteiapparat und das bereitwillige Mitmachen der Bevölkerung die Oberhand, gab es doch auch Gelegenheit, „Schnäppchen“ zu machen – auf Kosten der entrechteten Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Es war, wie Werner Eisenschink zum Abschluss der Lesung feststellte, eine „schwierige Sitzung“, die er und sein Kollege Gericke den Anwesenden zumutete. Er zitierte auch den Ruf der jüdischen Deportationsopfer beim Todesmarch zum Oettinger Bahnhof: Vergesst uns nicht!“. Nach der Lesung boten die beiden Historiker und Musiker „Donna, donna, donna“ ein ursprünglich in jidddischer Sprache geschriebenes Lied vom Kälbchen, das zur Schlachtbank geführt wird, und zum Abschluss der Veranstaltung, quasi als Aufmunterung zum weiteren Engagement und zur Solidarität „Die Gedanken sind frei“ (jeweils ohne Text).

Zu wünschen bleibt, dass die Forschungsergebnisse, die von Eisenschick und Gericke vorgetragen wurden, einem noch breiteren Publikum bekannt gemacht werden, sei es „print“ oder „online“.

Werner Eisenschink und Joachim Gericke
v.l.n.r Hermann Waltz, Albert Riedelsheimer, Sigried Atzmon, Werner Eisenschink, Joachim Gericke
Fotos: Waltz, Kucher