Berichte

Israelis in Berlin nach dem 7. Oktober

Nach ihrem Studium in Publizistik und Germanistik in Münster arbeitete Andrea von Treuenfeld für renommierte Printmedien. Als freie Autorin hat sie sich Porträts und Biografien einen Namen gemacht. Israel und jüdisches Leben in Deutschland sind die Schwerpunkte ihrer Arbeit.

„Israelis in Berlin nach dem 7. Oktober“ ist das Buch betitelt, das Andrea von Treuenfeld am dritten Jahrestag des terroristischen Hamas-Überfalls, des größten Massakers an Juden seit dem Holocaust, den Mitgliedern und Gästen des Freundeskreises der ehemaligen Synagoge Hainsfarth vorstellte.

20.000 bis 30.000 israelische Staatsbürger zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht. Das bedeutet nicht, dass sie mit der Vergangenheit abgeschlossen haben. Jede und jeder von ihnen hat seine eigene Beziehung zur Vergangenheit. 18 von ihnen stellt die Autorin mit Interviewtexten und Porträtfotos vor. Sie hat sie nach ihren wichtigsten Orten in Berlin befragt, nach ihrer Herkunft und ihren Gründen für die Wahl dieses Wohnortes, der Hauptstadt des Reiches, das die Vernichtung aller jüdischen Menschen auf seine Fahnen geschrieben hatte, nach ihren Antisemitismuserfahrungen vor und, sowie nach ihren Kriterien für ihr persönliches Leben in dieser Stadt – auch für das Dableiben oder Weggehen.

Ausgewählt wurden die Interviewpartner nach israelischer (darunter auch doppelter deutscher und israelischer) Staatsangehörigkeit und Herkunft aus Palästina, so dass im Buch auch muslimische und christliche Personen zu Wort kommen. Die meisten schätzen Berlin als ursprünglich multikulturelle Stadt, eine Einschätzung, die in letzter Zeit bröckelt.

Seit dem 7. Oktober 2023 stehen (Berliner) Israelis aufgrund einer rational kaum erklärbaren Täter-Opfer-Umkehr unter Druck aus verschiedenen Richtungen – von unbelehrbaren Altnazis von der rechten Seite, die alte Klischees pflegen, von bestimmten Zuwanderergruppen von aus muslimisch geprägten Ländern mit religiösen Ressentiments, und neuerdings vermehrt von linken, „antikapitalistischen“ Gruppierungen und solchen, die den Juden und ihren westlichen Sympathisanten „Kolonialismus“ anlasten. Das macht das Leben nicht einfacher. Vorsicht ist geboten; „Kippot“ (hebr. Mehrzahl von Kippa) und Davidsterne werden weniger offen getragen. Man achtet mehr darauf, wer in der U-Bahn hinter einem steht oder auf der Straße hinter einem geht. Auch mit Spuckattacken (!) ist zu rechnen. Als wichtiger Gesprächspartner der Autorin erscheint der bekannte arabisch-israelische Psychologe und Publizist Ahmad Mansour aus Tira, einem Ort in Israel mit vorwiegend arabischer Bevölkerung, nahe der Grenze zum Westjordanland.

Eine engagierte Frage- und Diskussionsrunde schloss sich der Autorenlesung an. Das Aufbranden einer neuen, vielfältigen antisemitischen Stimmung wird von der Autorin unter anderem auf das hemmungslose Treiben in den sogenannten sozialen Medien zurückgeführt, die Gleichgültigkeit der „schweigenden Mehrheit“ ist ein Nährboden, wenn nicht ein Symptom für unausgesprochenen, vielleicht sogar unbewussten aber in der Gesellschaft herrschenden Antisemitismus, dem es bei jeder Gelegenheit entgegenzutreten gilt. 
Friedrich Wörlen

Synagoge-Hainsfarth
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